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Rapture - Teil 1
"Teil Eins: Zehn Nach

Als Harry Potter die Große Halle in seinem ersten Jahr in Hogwarts betritt, hat Snape das Bedürfnis, ihn zu schlagen.

Es ist schrecklich und wahr. Severus Snape – ein Mann Anfang dreißig, ein Mann, dem viel an einem Quentchen Würde liegt – will einen elfjährigen Jungen schlagen. Zumindest ohrfeigen. Der Drang ist so stark, so überwältigend, daß es ihn fast aus dem Sessel hebt und er kann sich nur ganz knapp beherrschen. Wie es nun einmal so ist, hinterlassen Fingernägel halbmondförmige Abdrücke auf dem hohen Tisch; sie kratzen sich durch die dunkle Eiche, um hellere, knochenfarbige Holzfasern zu entblößen, von der gleichen Farbe wie Snapes Hände. Er will diese Hände um Potters schmalen Hals legen, er will ihn an seinem Haar durch den Raum zerren, er will seinen Arm umdrehen, bis er bricht, will ihn schütteln und ihn prügeln und anschreien, ihn fragen, wie er es wagen kann, ihm das anzutun, will ihm zeigen, wie es ist, manipuliert und gedemütigt zu werden, immer und immer und immer wieder –

Noch nicht einmal der Gedanke an seinen Zauberstab kommt ihm. Nicht ein einziges mal, diese Art Wut ist nicht magisch; sie ist körperlich und schwer wie ein abgestorbenes Bein.

Er liefert während der Begrüßungsfeier eine gute Show ab, auch wenn er sich dabei fast die Zunge durchbeißt und unter seinem großen Umhang zittert. Als die ganze Geschichte beendet ist, entschuldigt er sich sehr höflich und geht ruhig und still durch das Kellergewölbe. Jeder Schritt ist angemessen, kontrolliert, jeder Atemzug beherrscht, auch in der Wut. Als er endlich seinen Raum erreicht, tritt er ein, wendet mehrere Schließ- und Schutzzauber an und steht dann vollkommen still. Er steht so lange, bis er fühlt, wie sein Puls sich verlangsamt, sein Drang zu atmen sich Stück für Stück verringert, seine Hände und Füße und sein fürchterliches Gesicht sich widerwillig in Stein verwandeln.

Und dann erbricht er sich auf seinen Umhang und noch einmal in seine Hände, bis er es zur Toilette schafft. Er würgt in die Toilettenschüssel, gekrümmt vor Schmerzen und Wut und Scham, leert den dürftigen Inhalt seines Magens, bis sein Mund sich anfühlt wie verbranntes Papier. Weil ihm nichts Besseres einfällt, kehrt er zurück in das Wohnzimmer, spricht einen schnellen Säuberungszauber und trinkt ein ganzes Glas voll Whiskey, nur um sich noch einmal über sein Sofa zu erbrechen. Danach gibt es kein Aufhalten mehr. Er säubert und erbricht sich, trinkt und zerschmettert kleine Glasobjekte. Mit zitternden Fingern und zischendem Atem zerreißt er einen Haufen Erstkläßler-Essays in kleine Stücke und wirft sie in den Raum, nur weil er es eben kann. Er fegt Phiolen von seinem Schreibtisch, dann seine Federn, dann sein Tintenfaß – welches gewaltsam auf dem Steinboden zerbricht und einen Fleck hinterläßt, so dunkel wie Blut, und macht das Geräusch von jemandem, der weint.

Er schläft nicht.

In den folgenden Jahren bemüht er sich, zumindest ein wenig Vergnügen daraus zu ziehen, die Zeit des Jungen in Hogwarts so unangenehm wie es ihm mit legalen Mitteln möglich ist, zu machen.

Während er das tut, lernt er, daß Lily Evans’ Sohn so leichtsinnig, arrogant und stur ist wie es sein Vater gewesen war. Snape lernt, daß Potter nutzlos in Zaubertränke ist, daß er ein häßliches Temperament hat. Daß er sich nicht konzentrieren kann, auch wenn sein Leben auf dem Spiel stünde, daß er keinen Respekt vor Erwachsenen hat und schon lange tot wäre, gäbe es nicht die Hilfe seiner Freunde und reinen Zufall. Snape lernt das alles.

Und er liebt ihn trotzdem.

 



 

 

(Januar. Severus ist 25, Harry 20.)

Beim ersten Mal ist es Severus’ Geburtstag.

Weihnachten mag schon Wochen her sein, aber schmuddelige Überreste von Lametta und flackernden Lichterketten hängen noch lose an den Wänden um ihn herum. Um diese Demütigung noch schlimmer zu machen, spielt ab und zu ein Weihnachtslied auf der größtenteils ignorierten Anlage (jemand hat wohl eine Kassette angefertigt und sie dann vergessen). Severus ist allein, fünfundzwanzig Jahre alt und eigentlich ist es immer noch Weihnachten.

Er hat schon ein wenig getrunken.

Es gibt keinen Grund für ihn, hier zu sein. Allein, ja, das kann er nicht ändern und will es auch nicht, aber er hätte sein Bier (oder zehn) auch in Hogsmeade trinken können und sich selbst betrunkenes Apparieren ersparen können. Es gibt kein Grund für ihn, so nah an Spinners End zu sein, umgeben von den gleichen arbeitslosen, ungewaschenen Männern und Frauen, mit denen er aufgewachsen ist. Da ist ein Tisch voller Männer, von denen er sich sicher ist, daß sie mit seinem Vater gezecht hatten, an einer der vielen Nächte, in denen dieser dann nach Hause gekommen ist und seine Mutter windelweich geprügelt hat. Severus hat noch nicht so viel getrunken, daß er schon darüber nachdenken könnte, sie alle umzubringen, aber er ist auf dem Weg dahin.

Ja, Hogsmeade wäre wirklich die bessere Wahl gewesen. Wenn Severus nur nicht so heftig von dem größten Teil der Zauberergemeinschaft gehaßt werden würde, dann hätte er wohl diese Entscheidung getroffen.

Und sicherlich gab es auch bessere Muggelpubs als dieses hier, dunkle und unauffällige Orte, in denen einem Mann allein elend zumute sein konnte, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne dadurch hervorzustechen, daß er nicht laut genug fluchte, die Barmädchen nicht angrapschte, Bier herumspritzte oder wiederholt vor die Tür pißte.

Vielleicht sogar Muggelpubs mit halbwegs annehmbarer Musik.

(„It was Christmas Eve, babe, in the drunk tank…”)

Sogar mitten im Januar bewirkt dieses Lied eine positive Rückmeldung der betrunkenen Masse. Jemand hat sogar den Mut, Severus auf den Rücken zu klopfen und etwas Heißes, Unverständliches in sein Ohr zu atmen, bevor er wegschlingert. Severus umklammert seinen kleinen Tisch, Wut und Ekel vermischen sich mit dem Alkohol, den er bis jetzt bei sich behalten hat.

Er bestraft sich selbst, das weiß er. Er bestraft sich damit, nicht vergessen zu dürfen, wo er herkommt, was für eine Art Mensch er wirklich ist. Wäre die Magie nicht, würde er in ein paar Jahren wahrscheinlich so enden wie die Typen hier, würde im Walzwerk arbeiten und sein Einkommen im Pub ausgeben, würde seine Frau verhauen, wenn die das nicht gut fand. Es war aber nun so, daß er in einer anderen Welt lebte, wo er es geschafft hatte, sich in die Schuld eines alten, falschen Mannes zu begeben, sowie den Mord an der einzigen Person -

Er stoppt diesen Gedanken, bevor er ihn beendet. Es sein Recht, sicherlich, an seinem verdammten Geburtstag, an dem gleichen verdammten Tag, in den letzten verdammten fünfundzwanzig Jahren –

Er hat ein wenig getrunken.

So viel, daß er gar nicht bemerkt, wie sich die Tür des Pubs öffnet und feuchten Wind hineinläßt. Den ganzen Abend sind Leute rein- und rausgegangen und Severus macht sich keine großen Sorgen, daß es sich um jemand handeln könnte, den er kennt. Er trinkt den letzten Schluck seines Biers und ruft über die Theke nach dem nächsten. Der Raum dreht sich angenehm. Also ist es bald soweit (es ist ja sein Geburtstag).

Und so geschieht es nun, (entgegen aller Wahrscheinlichkeit)daß inmitten des Schreiens und Fluchens und der Weihnachtsmelodien („They've got cars big as bars, they've got rivers of gold“) jemand hinter ihm steht und hörbar einatmet, als hätte er Schmerzen (warum sollte ihn das etwas angehen, es ist doch sein Geburtstag) und er dreht sich um, mit bösem Blick, die Augenbrauen zusammengezogen und sieht –

Nun, niemanden. Niemanden von Bedeutung jedenfalls. Da steht ein junger Mann hinter ihm, durchnäßt bis auf die Knochen. Er hinterläßt eine nicht gerade kleine Pfütze auf dem abgenutzten Steinboden. Er ist schlank und komisch gekleidet, mit grünen Augen und einem seltsam geschnittenen Mund. Es ist nicht, daß er jetzt besonders gutaussehend wäre, aber da ist etwas Fremdes an ihm, etwas, das seinen Blick fängt und ihn hält, ob er das will oder nicht.

Severus bemerkt, daß er starrt und es dauert noch eine Sekunde, bis er bemerkt, daß der Andere zurückstarrt als sei er entsetzt und geschockt. Severus hat plötzlich den Wunsch, ihn zu konfrontieren. Er hat einen Krieg überlebt, er hat diese Gegend überlebt, es ist ja nicht so, daß er nichts gelernt hat. Sicherlich ist er ja nicht Häßlichste, was er je gesehen hat.

Vielleicht unter den ersten fünf, aber nichts, was diese Art Aufmerksamkeit rechtfertigen würde. Eine Beleidigung flackert auf Severus’ Zunge, er kann sie schon schmecken und es ist sein verdammter Geburtstag und er hat zuviel getrunken und der grünäugige Mann zieht ihn praktisch aus mit diesem Blick, gibt ihm das Gefühl, als ob er langsam Stück für Stück seziert und konsumiert würde, und sein Herz hämmert in seiner Brust und der Raum dreht sich und –

Der Mann macht auf seinem Hacken kehrt, eine zittrige, ungelenke Bewegung und eilt hinaus in den Regen. Als sich die Tür schließt, kann er ihn auf seinem Gesicht fühlen.

Oh.

Severus dreht sich wieder an seinen Tisch. Wut und Empörung knistern in ihm. Er war immer ein furchtbarer Betrunkener, alles heiß, aber ohne Feuer. Gut ist, daß er das jetzt zugeben kann (ein Feigling, ein Feigling – es schallt in seinem Kopf, wie das Gelächter eines Kindes und seine Finger umschließen das volle Glas vor ihm noch fester.).

Die restlichen Besucher fahren fort, sich zu unterhalten und Severus zwingt sich zum Entspannen. Niemand spricht mit ihm, außer wenn es darum geht, wie viel er dem Wirt schuldet, niemand sieht ihn an, außer wenn er sich räuspert. Das ist das Leben, das Severus gewohnt ist – unsichtbar, still, nicht der Rede wert (außer wenn man sich über ihn lustig macht, „Meine Güte, bist du häßlich“, sein Vater wischt ihm mit dem Handrücken über den Mund, er riecht nach Whiskey und Chips und schalem Bier, „ich muß nur noch rausfinden, welcher Teil von dir der häßlichste ist, Snivvy“ Sirius Black zischt ihn aus einer Ecke des Klassenzimmers an, er leuchtet wie Blinklicht, hell wie ein Stern).

Solcherlei Gedanken verfolgend und mit einem frischen Bier in der Hand, verschwindet er früher, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er würde jetzt gern rauchen (es ist schließlich sein Geburtstag) also zieht er seine dicke Jacke an und stolpert auf die Straße. Es nieselt nur noch, aber es ist kalt und seine zittrigen Finger haben Mühe, die Zigarettenschachtel zu öffnen. Plötzlich will er so schnell wie möglich in seinen Räumen in Hogwarts sein, versteckt und geschützt von vielen Schichten Stein. In großer Eile und ziemlich angetrunken, es geht ihm gut, wirklich, es geht ihm gut – ist er ein wenig leichtsinniger als sonst.

Er sieht die Männer erst, als sie ihn schon haben.

„Ist das nicht ein Ding?“ (jemand schlägt ihm auf den Hinterkopf), „der verdammte Severus Snape“ (jemand schlägt ihn mit dem Kopf gegen die Steinmauer). Als das Wort „Todesser“ die großen, grinsenden Lippen verläßt, haben sie schon seinen Zauberstab. Severus kann fühlen, wie das schmale, polierte Stück Holz ihm aus der Tasche gleitet und für einen Augenblick ist er auch beeindruckt, daß sie ihn gefunden haben.

Natürlich ist es da schon zu spät.


(Der Werwolf kommt näher, er ist riesig und seine Haut ist übersät von verfaulten Löchern, sein mattes Fell schmutzig und Licht kommt aus seinem Mund, grünes, grünes Licht und Lily Potter schreit aus weiter Entfernung, Snape breitet seine Arme aus und opfert sich, er versucht nicht einmal zu kämpfen, läßt den Wolf kommen und das grüne Licht kommt und läuft wie Blut an seiner Haut herunter -)

„Snape -“

(Die Klauen des Werwolfs graben sich in seine Haut und er kann es nicht einmal fühlen, sie verschwinden in seinem Körper, als sei er aus Wasser, aus lauwarmem, milchigem Wasser voller Hände und Klauen, überschwappend und alles wird grün, grün, grün -)

„Mach die Augen auf.“

(Laß den Wolf kommen, laß ihn -)

„Snape. Mach die Augen auf.“

Severus öffnet seine Augen und – ist nicht tot. Diese Tatsache ruft in ihm jedes Mal eine Mischung aus Erstaunen und Enttäuschung hervor. Diese beiden Gefühle lösen sich jedoch auf und werden langsam von Schmerzen abgelöst. Severus schließt die Augen. Er scheint wohl in einem Bett zu sein. Am Leben, mit einem Kopf, der gerade dabei ist, aufzuplatzen, schön sauber in der Mitte.

Verdammte, verdammte, verdammte Scheiße.

„Nicht – versuch nicht zu sprechen oder so“, sagt eine Stimme, die er nicht erkennt. Severus öffnet seine Augen noch einmal und versucht scharf zu sehen. Ein Fehler, den er sofort bedauert. Seine Augen schließen sich wieder.

„Es geht – es geht dir gut, denke ich“, fährt die Stimme fort. „Wärst du noch länger bewußtlos geblieben, dann hätte ich – jemanden gerufen. Ich denke, daß dein Arm -“ Die Stimme stockt plötzlich, als ob sie nicht glauben will, was sie gerade sagen wollte.

„Gebrochen ist?“ bringt Severus hervor, sein Hals ist rau.

„Äh. Ja. Aber ich habe ihn in Ordnung gebracht.“

Ah, der Pflegende ist also ein Zauberer. Das ist doch schon einmal ein Trost. Außer, daß es keiner ist.

„Wo – wo bin - “

„In deinem Haus. Ich kann kaum glauben, daß ich hier in einem Stück angekommen bin. Ich hatte gerade – also - “

In diesem Haus, in Spinners End, umgeben von schmuddeligen Wänden und ergrauten Vorhängen und dem Gestank nach Armut – irgendwann ist das alles zuviel. Severus öffnet die Augen wieder, versucht zu fokussieren, ganz egal, ob sein Körper das will oder nicht. Irgendjemand ist da, verschwommen, ungelenk an seinem Bettrand – ein junger Mann. Er kennt ihn nicht, aber es ist auch nicht so, daß er ihm gar nicht bekannt vorkommt und Severus bemüht sich darum, nicht zu kotzen und seine Sicht verschwimmt und –

„Sie sind der Mann von der Bar“, stöhnt er. Seine Zunge berührt seine Unterlippe und er kann Blut schmecken.

Die Augen des Mannes, um den es geht, weiten sich, ganz als ob er darauf warten würde, daß Severus noch etwas anderes sagen würde. Irgendwann nickt er.

„Ja“, sagt er grimmig. Seine Hände sind in seinem Schoß verknotet.

Der Mann aus dem Pub. Der Mann, der Severus anstarrte, als ob er noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatte, starrte ihn in einer Weise an, die ihm Angst und Bange machte, ein Mann –

„Woher zum Teufel-“, faucht Severus, „weißt du, wo ich wohne?“

Der Fremde schweigt für einen Moment. Severus fühlt, wie die Panik sich hinten in seinem Hals aufbaut, dickflüssig und bitter. Er versucht, in dessen Kopf einzudringen, nur um gewaltsam zurückgestoßen zu werden, mit einer Welle von Übelkeit und Schmerzen. Vielleicht wird später was mit der Legilimentik.

„Wie zum Teufel -“ Er wiederholt sich, diesmal etwas lauter, es scheint die einzige Option zu sein, die er hat.

„Ich – ich kenne dich“, unterbricht ihn der Fremde. „Irgendwie. Äh.“

„Irgendwie. Äh”, höhnt Severus, unfähig die Anspannung aus seiner Stimme zu halten.

„Ich-“ Der Mund des Mannes öffnet und schließt sich. „Ich kannte Lily Potter.”

Lautes Schweigen breitet sich im Zimmer aus, es rauscht in schmerzhaften Wellen durch das zerbrochene Fenster („Du bist eine Hexe. Ich hab dir schon eine Weile zugeschaut-“).

„Ich bin ihr – Cousin.“

Die Stille ist unerträglich.

„Raus aus meinem Haus“, spuckt Severus aus, zitternd vor der Anstrengung, die es ihm bereitet, seine Stimme so zu heben. Er versucht, wütend zu gestikulieren, aber es tut einfach zu weh, also gibt er es für einen Moment auf. Der Junge sieht geschockt aus, er öffnet seinen Mund, um zu sprechen, aber Severus wird das nicht zulassen.

„Ist das schwer zu begreifen? Raus. Aus. Meinem. Haus.”

Der junge Mann steht, hebt abwehrend die Hände.

„Ich wollte nicht-“

„Und ich brauche keine Hilfe von einem Verwandten von Potter! Wie hast du – nein, antworte nicht, ich will es gar nicht hören, ich will dich nicht in meinem Haus, geh weg- “ Auf seiner Lippe ist etwas Spucke, (er kann das nicht kontrollieren, wenn er wütend ist, überhaupt nicht) aber das ist ihm egal. Diese verdammten Augen sind so grün, daß es ein Wunder ist, daß Severus ihn nicht sofort erkannt hat.

„Was? Warte, nur eine -“

Severus wirft seine Decke zurück und erhebt sich, er ignoriert das Puckern in seinem Kopf und seinem Arm, und taumelt auf ihn zu.

„Ich brauche deine Hilfe nicht, ich brauche dein Mitleid nicht, das ist mein verdammtes Haus, verstehst du? Wo zum Henker ist mein verdammter Zauberstab-“ Er tastet seine Kleidung verzweifelt ab, bevor ihm einfällt, daß er ihm weggenommen wurde, weggenommen, oh scheiße-

„Hier, ich habe ihn, er ist -“

Sein Zauberstab ist plötzlich in der Hand des Jungen; Severus greift danach und preßt ihn sofort gegen den Hals des Fremden, mit mehr Druck, als eigentlich nötig wäre. Er könnte ihn töten, er könnte.

„Das ist mein Haus“, zischt er und der junge Mann erwidert seinen Blick. Er scheint überhaupt nicht soviel Angst zu haben, wie er eigentlich sollte. Also preßt Severus seinen Zauberstab noch nachdrücklicher gegen seinen Hals.

„Hör mir zu“, bringt der Mann mühsam hervor und lehnt sich leicht zurück, „ich weiß, daß du meine Hilfe nicht willst, okay? Ich weiß, daß es nur ein Zufall war, daß ich überhaupt hier bin und daß ich – dich gesehen habe- “

„Ich kann mich sehr gut um mich selbst sorgen- “

„Ich weiß“, sagt der Mann wieder. „Das weiß ich doch. Und ich bin auch nicht hergekommen, um nach dir zu suchen. Ich – ich weiß eben nur, wer du bist. Lily – sie hat mir von dir erzählt.“

„Und was genau hat sie dir erzählt?” faucht Severus und kann wieder fühlen, wie die Wut in ihm kocht, wie sie hochrot durch seine Venen fließt und sich eng um seinen Hals schließt.

„Sie hat mir gesagt – daß ihr Freunde wart.“ Der Mann preßt die Lippen aufeinander und wird sehr still. „Du bist Severus Snape.“

Severus’ Sicht ist plötzlich erfüllt mit dem Bild eines rothaarigen Mädchens, das Lächeln ein großer Halbmond, („Meine Güte, Severus, gibt es irgend etwas, das du nicht weißt?“) blasse Finger, die das Haar hinter ein Ohr stecken, nervöse Angewohnheit, kauen an der Unterlippe („was guckst du denn?“).

„Lily – Evans und ich waren nicht befreundet“, stammelt er, sein Magen dreht sich vor lauter Schuld und Haß und Bier. Es ist viel zu heiß in seinem Haus.

Der Junge verzieht das Gesicht. „Okay.“

„Raus hier.“

Und dann verändert sich sein Gesichtsausdruck von traurig-vorsichtig zu traurig-ängstlich und Severus hört ihn etwas sagen, aber er kann nicht ausmachen, was das ist; das Zimmer ist zu heiß und sein Herzschlag ist zu laut, die Decke ist schief und wird immer niedriger und dann ist da nichts mehr, überhaupt nichts mehr.


Er erwacht schreckhaft, ein Schrei würgt ihn und er bemerkt, daß er nicht allein ist.

Grüne Augen sehen von der Seite des Bettes auf ihn herunter und Severus’ Hand schnellt zu seinem Zauberstab, hinter seiner Netzhaut flackert noch der Alptraum, in dem weiße Masken und glatte Gesichter vorkamen. Sein Zauberstab ist nicht unter seinem Kissen, seine Finger öffnen, zittern und schließen sich, er versucht sich daran zu erinnern, was der Fremde hier eigentlich wollte.

Und viel zu schnell erinnert er sich.

„Was tust du noch hier?“ Er versucht, die nötige Schärfe in seine Stimme zu bringen, aber er ist sehr, sehr müde.

Der Junge blinzelt überrascht. „Oh. Du bist wach.” Da ist Erleichterung in seiner Stimme und Severus kräuselt die Oberlippe.

„Muß ich die Frage noch einmal wiederholen?“

„Naja.“ Der junge Mann ringt die Hände schon wieder, eine lächerliche Angewohnheit. „Es ist – Ich weiß nicht, ob du – allein sein solltest. Sie haben dich ziemlich hart geschlagen – Ich war nicht sicher – Ich wollte nicht, daß du zu lange schläfst, ich wußte außerdem nicht, wie du auf Heilzauber reagieren würdest, ich meine- “

„Wirst du irgendwann zum Punkt kommen oder soll ich weiterschlafen?“ Er geht davon aus, daß der Mann ihm widersprechen wird, daß er zucken wird oder zumindest böse gucken. Er erwartet nicht, daß er errötet in einer ziemlich interessanten Art und Weise, wo sanftes Rosa von seinen Wangenknochen hinab zu seinen Schlüsselbeinen und in das Shirt hineinwandert.

Das – hat er nicht erwartet.

„Hast du Durst?“ fragt der Mann stattdessen.

Severus hat Durst. „Nein.“ Er würde lieber verrecken, als Almosen von Lily Evans´ Cousin zu akzeptieren. Wo er gerade darüber nachdachte: „Wie war dein Name?”

Der Junge öffnet seinen Mund und nichts kommt heraus. Severus ist nicht der Typ, der Zeit mit Idioten verschwendet, so hilfreich diese auch waren, (ja, es geht ihm wirklich etwas besser) also hebt er kritisch eine Braue. Schon im Alter von zweiundzwanzig Jahren kann er Schüler mit dem bloßen Heben einer Augenbraue zum Weinen bringen.

„H – Harry. Evans. Harry Evans.”

Harry.

Harry Evans. Severus kneift die Augen zusammen, seine Schläfen fangen plötzlich an zu pochen.

„Was – was denn?“

„Du“, bringt er hervor, „sie haben – ihr Kind nach dir benannt? Haben sie das? Ja, das haben sie, verdammt, verdammte…“

Ihm gehen die Worte aus. Etwas zittert in seiner Brust, seine Rippen verengen sich wie lange, weiße Finger und machen ihm das Atmen schwer. Er weiß nicht warum, warum es so viel schlimmer ist, daß dieser Mann ‚Harry’ heißt, anstatt Will oder George oder Henry – aber es ist so. So, soviel schlimmer.

Er dreht sich schmerzhaft auf die Seite, und sein Kopf protestiert mit einem Puckern.

„Ich bin“, beginnt Severus und hört plötzlich wieder auf. „Ich will schlafen.“

„Alles in Ordnung?“ vernimmt er eine nervöse Stimme hinter ihm.

„Ich will schlafen“, faucht Severus und reibt seine große Nase. „Geh weg.“

„Okay. Kann ich dir irgendwas bringen?“

„Geh weg, verdammt”, faucht er wieder, mit dem Mund gegen sein Kissen. Es ist ihm egal, ob der Junge sein Haus durchwühlt oder sein silbernes Besteck stiehlt oder ihn mitten in der Nacht tötet, nur so lange er das Zimmer verläßt. Er will schlafen und diesen ganzen Alptraum vergessen, stattdessen wartet er, wartet, daß der sanfte Atem hinter ihm verschwindet oder verblasst oder stoppt.

Er wartet. Sein Arm tut weh.

Irgendwann hört er die Dielen knacken, als Evans sich in Richtung Tür bewegt. Als die Tür langsam ins Schloß fällt, bemerkt Severus, daß er den Atem angehalten hat. Er weiß selbst nicht warum. Doch er weiß, daß sein Kopf schmerzt und es komisch riecht in diesem Zimmer, nach Tee und Regen und Seife und Dinge, an die er sich nur halb erinnert und Dinge, die lieber vergessen werden sollten, Dinge, die einen verkrüppeln („Was guckst du so? Schau mich an!“).

Er schließt die Augen und in seinen Träumen kommen hohe Häuser vor.


Der Winter weckt ihn.

Kaltes Licht strömt durch die abgenutzten Jalousien und Severus blinzelt den Schlaf aus seinen Augen, reibt über sein Gesicht, überrascht, daß er sich halbwegs passabel fühlt. Ein dumpfer Schmerz geht von seinem Arm aus, aber der Schmerz ist nicht groß und nachdem er den Arm etwas bewegt, stellt er zufrieden fest, daß Evans (entgegen aller Wahrscheinlichkeit) wohl ein ziemlich kompetenter Heiler ist. Zögernd versucht er, sich aufzusetzen und als der Raum sich nicht dreht, versucht er aufzustehen. Das geht sogar ziemlich gut, und Severus zieht sich einen ziemlich schäbigen Bademantel an. Sein Zauberstab ist auf der Kommode und bevor er ihn in seine Tasche steckt, zieht er noch ein paar warme Wollsocken an (Spinners End ist wie eine Tiefkühltruhe) und geht dann in den Flur.

Im Bad spritzt er sich Wasser ins Gesicht, putzt sich die Zähne und das alles, ohne in den Spiegel zu schauen. Darin ist er ziemlich gut, wirklich, es können Tage vergehen, bis er sein höhnisches Spiegelbild sehen muß. An jedem anderen Tag würde er sich waschen und anziehen und so schnell wie möglich zur Schule eilen. An jedem anderen Tag. Aber etwas ist anders heute morgen, und der neue Schmerz unter seiner Haut schickt ihn in die Küche.

Spinners End ist sein Haus und es ist ein seltsames Haus. Es ist sein Eigentum, seit seine Mutter verstorben ist, vor vier Jahren (sein Vater ist schon seit langem weg, ein Glück, es ist schade, daß er so lange dazu gebraucht hat). Severus setzt sich an den Küchentisch und starrt das Holz an. Er war hier zu Weihnachten (er hat schlimme Erinnerungen und niedrige Temperaturen den über die Maßen höflichen und Kollegen und peinlichen Situationen vorgezogen), aber das Haus überrascht ihn trotzdem immer wieder. Er fährt mit dem Finger die Spuren auf dem Tisch entlang, ganz als ob er sie noch nie gesehen hätte. Eigentlich wäre es einfach, sie zu reparieren, eine kleine Bewegung mit dem Zauberstab, wirklich, aber irgendwie scheint das nicht richtig zu sein. Die Kratzer, die Narben, sie passen zu Spinners End. Da sind Brandflecken auf der Couch, wo sein Vater seine Kippen hat fallen lassen. Da ist eine Delle in der Wohnzimmerwand, wo ein besonders schweres Objekt während eines Streits gegengeschleudert wurde. Da sind viele kleine Löcher im Küchentisch, wo die Gabelzinken hineingebohrt wurden, am Anfang eines Streits. Es wäre irgendwie falsch, dies alles mit ein paar Worten und einer kleinen Bewegung verschwinden zu lassen, alles wegzuradieren, denn es sind Spuren, die sein Vater hinterlassen hat, wie blaue Flecken.

Spuren auf seiner Haut verschwinden, aber Häuser vergessen nicht.

Das sollte genug Grübelei bis Weihnachten sein. Severus erhebt sich, seine Zehen rollen sich vor lauter Kälte und er geht zum Küchenschrank. Er hatte nicht geplant, so schnell wiederzukommen, soviel ist offensichtlich. Ein paar Schachteln Cracker, einige Büchsen, aber nichts, was auch nur ein halbwegs zufrieden stellendes Frühstück darstellen würde. Er macht den Wasserkocher an und stellt dann fest, daß der Tee auch alle ist. Der Tee! Der Morgen nach seinem Geburtstag, der Morgen, nachdem jemand versucht hat, ihn zu töten, und er –

„Morgen“, hört er eine weiche Stimme aus dem Flur. Severus zuckt zusammen und seine Hände schnellen sofort zu seinem Umhang und er zieht ihn fester um sich. Er weiß auch nicht warum – weiß nicht, warum er augenblicklich vor Angst erstarrt, warum er sich nackt fühlt, wie ein leichtes Opfer –

„Hallo?“ Harry Evans steckt seinen zerzausten Kopf in die Küche. Severus zwingt sich dazu, ruhig zu bleiben.

„Warum zur Hölle bist du -”

Der junge Mann zuckt zusammen, nervös an diesen Morgen, viel nervöser als Severus ihn gestern abend in Erinnerung hatte.

„Ich weiß, ich weiß, ich sollte schon längst weg sein. Es ist nur – ich habe heute morgen etwas gesucht und -“

„Du warst die ganze Nacht hier?“ Severus’ Mund steht vor lauter Empörung offen.

„Auf der Couch. Entschuldigung, daß ich nicht gefragt habe, aber ich habe auch gedacht, daß du mit der Kopfverletzung nicht allein sein solltest und dann habe ich bemerkt – da war nicht viel zum – für ein Frühstück – also- “ Er hebt die Tüte an, die er festhält.

„Du hast bemerkt, daß ich – und bist dann einkaufen gegangen?“ Severus stottert, rasende Scham steigt heiß in sein Gesicht. Alles, was Vernunft gleichen würde, verblaßt. „Du hast – wie kannst du es wagen? Du mußt mich nicht in meinem – meinem verdammten Haus beleidigen. Ich bin sehr wohl selbst dazu – es war eben, weil – und überhaupt, was schert es dich?“

„Ich weiß! Hör auf. Ich weiß. Ich wollte es eben. Wollte mich eben dafür revanchieren, daß ich hier schlafen durfte -“

„Du hattest kein Recht -“

„ –Ich wußte nicht, wo ich sonst hingehen sollte“, endet der Mann, als habe er es plötzlich eilig. „Ich dachte, daß ich dir so viel schulde. Es sollte keine Beleidigung sein.“

Severus blickt ihn finster an, versucht sein Gesicht zu wahren, indem er ihn mit einem grausamen, messerscharfen Blick bedenkt.

So lange, bis Evans endlich seine grünen Augen zum Boden richtet. Als er ihn wieder ansieht, kann Severus an seinem Mund fast ein Lächeln sehen.

„Ich habe Tee gekauft“, sagt er leise und Severus weiß, das Evans gewonnen hat und der weiß das auch. Unglaublich. Gedemütigt zu werden ist eine Sache, von einem Fremden im eigenen Haus gedemütigt zu werden, eine andere.

Doch der Tee ist es wert, wenigstens ein kleines Opfer zu bringen.

„Ich will nur, daß du weißt, daß wir keine Freunde sind oder ähnliche lächerliche Dinge“, grummelt Severus und wünscht sich, sich doch wenigstens einmal nicht wie ein alter Mann anzuhören. „Ich weiß nicht, warum du darauf bestehst -“

Evans legt Dinge auf der Ablage zurecht und wirft einen ängstlichen Blick über seine Schulter.

„Heißt das jetzt, daß du mir nicht sagen wirst, wie du deine Eier magst?“

Severus zögert. Er ist es nicht gewohnt, daß jemand für ihn Eier kocht.

„Wirklich – ich würde nicht -“ Er verheddert sich.

„Dann mache ich Rührei, wenn das in Ordnung ist.“ Der junge Mann dreht sich wieder in Richtung Lebensmittel und läßt Severus mit etwas herabhängendem Unterkiefer stehen. Er weiß auch nicht, was er darauf sagen soll und Evans scheint es in Ordnung zu finden, schweigend weiterzuarbeiten. In den nächsten zwanzig Minuten macht Evans Frühstück und jeder Versuch von Severus, sich nützlich zu machen, wird freundlich aber entschieden zurückgewiesen. Der Tee zieht, Das Brot wird getoastet. Severus sitzt auf seinem Stuhl am Küchentisch und wundert sich, wann es angebracht wäre, den Gast dazu aufzufordern, jetzt zu verschwinden. Es scheint undankbar, erst sein Frühstück zu essen und ihn dann auf die Straße zu setzen? Und seit wann macht er sich Gedanken über Dankbarkeit? Es ist entschieden, nach dem Essen muß der Mann gehen, ein Glück, dann wird er ihn los sein –

„Bitteschön. Komplettes englisches Frühstück.“ Evans stellt einen lächerlich vollen Teller auf den Tisch und lächelt ein nervöses Halblächeln, als er Severus’ ungläubigen Gesichtsausdruck sieht. Es ist dieses Halblächeln, das ihm sagt, daß etwas nicht stimmt. Es ist das Halblächeln, das in seinem Magen zuckt und unangenehm gegen seine Wangenknochen brennt.

„Alles in Ordnung? Du bist ja so rot“, kommentiert Evans frei, während er seinen eigenen Teller holt.

„Das ist der Tee. Er ist ziemlich heiß“, bringt Severus hervor und schaut weg.

Evans scheint das zu akzeptieren und die beiden reden eine Weile nicht. Irgendwie wird das Frühstück auch gegessen, das Geschirr gewaschen und getrocknet, in unglaublich kurzer Zeit und bevor sie sich versehen, sitzen sie auf den Treppenstufen am Eingang zu Spinners End. Severus ist sich sicher, daß es dafür einen guten Grund gegeben hat, eine Frage, die beantwortet werden mußte, oder eine Ortsangabe oder irgendetwas anderes Vernünftiges. Er weiß jetzt nicht wirklich, was es war, aber es gab einen Grund. Genau wie es einen Grund für die Tatsache gab, daß Evans noch immer hier war.

„Wie lange lebst du schon hier?“ fragt der Mann sanft und verlagert sein Gewicht auf dem rissigen Beton.

„Fast fünfundzwanzig Jahre“, antwortet Severus und weigert sich mehr Informationen als unbedingt nötig preiszugeben oder eine Gegenfrage zu stellen. Das hier erinnerte ihn mehr an eine Konversation und es gibt ein paar Dinge, die – mit Lilys Cousin –

„Wo sind deine Eltern?“ fährt Evans fort, ohne sich dessen bewußt zu sein, „haben sie dir dieses Haus überlassen?“

„Könnte man so sagen.“

Evans sagt gar nichts mehr und Severus fühlt die Stille schwer zwischen seinen Schulterblättern. Es macht ihn seltsamerweise wütend und er hat das Bedürfnis, Harry Evans von der Treppe zu stoßen und hineinzugehen und die Tür zuzuschlagen. Stattdessen sagt er: „Mein Vater ist weggezogen, als ich fünfzehn war und meine Mutter ist tot.“

Evans ist eine ganze Weile still. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen und schließt ihn dann wieder. Öffnet ihn. „Ich – das tut mir leid.“

„Ja, nun – sie war sehr krank. Es war nicht – es war -“ Severus weiß nicht, wie man diesen Satz zu Ende bringen könnte. Er hat sowieso schon zu viel preisgegeben.

„Du solltest gehen“, stößt er nach einer Weile mühsam hervor.

„Ja.“ Evans atmet tief ein, auch wenn Severus nicht weiß warum. Der Geruch von Beton und Müll und Proletariat ist genug, um jedermanns Magen umzudrehen. „Wie geht es deinem Arm?“

„Gut. Wirklich, er schmerzt nicht.“

„Das ist schön. Ich konnte mich letzte Nacht nicht so gut konzentrieren. Ich war mehr als – ich habe mir ganz schön Sorgen gemacht.“

„Du hast den Arm trotzdem geheilt“, sagt Severus, bevor ihm klar wird, was er da gesagt hat. Er zuckt innerlich zusammen.

„Das hat sich nach einem Kompliment angehört. Sei lieber vorsichtig oder ich komme noch auf den Gedanken, daß du mich für mehr als Lebensmittel hier bleiben läßt.“ Der Junge verstummt und schließt seinen Mund. „Ich meinte nicht – ich meine – Ich wollte nicht -“

„Wärst du in der Lage einen kohärenten Satz zustande zu bringen, wenn dein Leben auf dem Spiel stünde?“

Evans lacht, offensichtlich dankbar für die Rettung. „Ich glaube nicht. Da müsste schon mehr auf dem Spiel stehen, als meine magere Existenz. Dein Arm, vielleicht.“

Severus fühlt einen unerklärlichen Stich von Freude über diese Bemerkung und denkt an seinen Arm, der noch etwas schmerzt. Er ist blaß und weiß und der Ärmel ist hochgerollt und-

Severus’ Mund wird trocken. Sein Herz hört für einen Moment auf zu schlagen.

„Mein Arm“, zischt er, unfähig den Mann neben ihm anzusehen.

„Hast du – du mußt ja -“ Hitze steigt in sein Gesicht. Evans weiß, worüber Severus spricht, auch wenn er die Frage nicht ausspricht. Er preßt die Lippen aufeinander. „Ja.“

Severus weiß nicht, was er sagen soll. Er steht schnell auf, unsicher aufgrund der Hast und will hineingehen. Harry steht auf und umfaßt seinen Arm.

„Hör mir zu -“

„Laß mich gehen!“

„Hör mir zu!“ Evans schreit und schüttelt ihn.

„Hau ab!“ knurrt Severus wütend und fletscht die Zähne wie ein Tier vor dem Kampf.

„Nein!“ brüllt der Mann zurück und Severus öffnet den Mund, um etwas Furchtbares zu sagen, aber Evans ist schneller.

„Nun hör mir doch mal zu, Severus fahr zur Hölle Snape – man kann kein Zauberer in England sein, ohne zu wissen, daß du ein Todesser bist. Es ist kein Schock für mich, hast du -“

„Faß mich nicht an!“ spuckt Severus, reißt seinen Arm zurück und schubst Evans gleichzeitig weg. Evans antwortet mit überraschender Kraft, krallt sich mit seinen Händen an Severus’ Schultern fest und stößt ihn gegen die Eingangstür. So heftig, daß ihm die Luft wegbleibt.

„Jetzt halt doch mal die Klappe und hör mir eine Minute zu! Ich habe doch gesagt, daß es kein Schock für mich ist, ich weiß, was du warst. Was du warst, Snape, hörst du mich? Es ist aus und vorbei – jeder, der den Prozeß gelesen hat, weiß, daß du wirklich auf Dumbledores Seite bist, okay?“

„Du weißt nichts -“

„Nun, vielleicht ist das so, aber ich hatte eine verdammte – Familie, die getötet worden ist, also kannst du jetzt aufhören, mich anzubrüllen mitten auf der Straße und kannst versichert sein, daß ich deinen Arm und dein Scheißmal gesehen habe und daß es verflucht noch mal okay ist. Okay? Mann!” Evans läßt stöhnend seinen Atem entweichen und Severus kann ihn auf seinem Haar fühlen (und der Geruch von Tee und Spülmittel haftet an ihm.).

Sie stehen dort schweigend, bis Evans einfällt, daß er Severus immer noch gegen die Tür drückt und er läßt schnell los. Obwohl Severus sich vornimmt, in das Haus zu stürmen und die Tür zuzuknallen, steht er dort regungslos.

Evans fährt aufgewühlt mit einer Hand durch das schon zerzauste Haar.

„Es tut mir leid“, sagt er mild, etwas, das Severus nicht erwartet hat. Er fühlt, wie eine gestotterte Entschuldigung in ihm hochblubbert, doch er bekämpft sie. Sein Gesicht wird rot vor Scham und er betrachtet den Beton unter seinen abgestoßenen Schuhen.

„Das ist in Ordnung.“

„Ich hätte nicht so schreien sollen. Und ich hätte dich nicht so hart am Arm packen dürfen. Ist er okay?“

Severus nickt abrupt. „Es ist okay.“ Er sollte zurück nach Hogwarts gehen, wirklich. Er braucht den Abend zum Benoten und den Rest des Sonntags für die Vorbereitung der Stunden und die Anwesenheit von Harry Evans läßt ihn sich immer seltsamer benehmen. Diese Begegnung – der Besuch, oder was es auch immer war, hätte schon vor Stunden vorbei sein sollen.

„Ich sollte -“

„Willst du was trinken?” unterbricht ihn der junge Mann und man sieht, daß er schon beim nächsten Schritt ist. Severus ist gar nicht in der Lage, irgendwelche Schritte zu planen, seine Gedankengänge sind komplett durcheinander gebracht worden, und er starrt den Mann an. Welcher seinem Blick ganz offensichtlich ausweicht, als sei er nervös. Was natürlich lächerlich ist.

„Ich -“ Severus denkt sich aus, wie er am besten ablehnen kann, „denke schon.“

Er hält sich fast die Hand vor den Mund, als ihm klar wird, was er da gesagt hat. Er kann sich jedoch beherrschen, als Evans ihn anlächelt, strahlend wie ein Licht vom Himmel, wie der Schein eines neuen und zeitlosen Mondes.

Was natürlich lächerlich ist.

Natürlich.


„Betrinkst du dich?“ fragt Evans nach dem zweiten Bier – oder war es das dritte? Severus schüttelt den Kopf.

„Selbstverständlich nicht. Es ist erst – wie spät ist es…? Achtzehn-dreißig. Zu früh, um sich zu betrinken. Viel zu früh.“

„Natürlich.”

„Natürlich.”

„Also darf ich jetzt davon ausgehen, daß es mein gewinnendes Wesen ist, was dich in bessere Laune versetzt hat. Und nicht das Bier.“

„Soweit würde ich jetzt nicht gehen. Ich habe es noch nie besonders vertragen.“

„Weil du so mager bist. Die Barfrau könnte dich mit einem Arm hochheben.“

„Tut mir leid, Mutter. Sollte ich lieber noch einen Pullover anziehen, bevor ich mir was weghole?“

Evans kichert und eigentlich wäre es einfach, mitzumachen. Severus kann sich aber beherrschen.

„Wie alt bist du?“ fragt er nach einer Weile.

„Zwanzig. Warum?“

„Du wirkst – viel jünger. Ich hätte dich eher auf siebzehn geschätzt, wäre es nicht um deine -“

„Was?“

„Nichts.“ (Deine Augen.) „Es ist nur – egal. Du wirkst sehr jung.”

Etwas flackert in seinem Blick, bevor er seinen Kopf schüttelt und noch einen Schluck Bier trinkt. „Das ist wohl mein jugendlicher Überschwang.“

„Mehr die Albernheit“, murmelt Severus und bereut es sofort. Seine Reue ist nur von kurzer Dauer, denn Harry Evans lacht ein kleines, überraschtes Lachen.

„Kann auch sein“, sagt er und lächelt, „oder mein Haar. Es scheint immer ein wenig – du weißt ja.“

„Lächerlich?”

„Du kannst jetzt aufhören.“

Severus trinkt den letzten Schluck seines Biers und starrt dann unglücklich in sein Glas. Evans fällt das wohl auf, denn er lacht wieder.

„Noch eins?“

Severus blickt scharf auf und mustert sein Gegenüber. „Du solltest sicher irgendwo sein.“ Er hat vergessen, wie oft er das heute schon gesagt hat. Er hat auch vergessen, wann er aufgehört hat, sich wirklich ehrlich zu wünschen, daß Evans ihn in Ruhe lassen würde und – irgendwas anderes.

„Nicht wirklich, um ehrlich zu sein.“

Severus zuckt die Schultern und schaut zu, wie Harry in Richtung Bar geht, nur um überraschend schnell wiederzukommen. Severus hat kaum Zeit seine Gedanken zu sammeln. Der junge Mann stellt die Gläser auf den Tisch und lächelt Severus an. Ein Lächeln, welches sowohl überraschend als auch alarmierend ist. Als seien sie schon seit langem Freunde, oder enge Verwandte und sähen sich nach langer, schmerzhafter Trennung wieder. Es ist ihm unverständlich (wenn auch nicht unangenehm).

„Ich mag es hier”, sagt Harry und schaut sich um.

„Ich habe keine Ahnung warum. Ich hasse es.”

„Ich habe es liebgewonnen.“ Evans grinst ihn wieder an und Severus muß ein paar Mal schlucken, bevor er weitersprechen kann (die Luft hier ist wirklich sehr trocken). „Ich wollte nur sagen – es war gut, dich kennengelernt zu haben. Wirklich – gut.“

„Was redest du?“

„Sag nichts, trink einfach.“ Harry starrt ihn in gespielter Mißbilligung an. „Du solltest wissen, daß das wichtig war. Wegen meiner Cousine. Wirklich -”

„Ich werde mit dir nicht über Lily Evans sprechen.“ Severus versucht den Schneid aus der Stimme zu verbannen, bekommt das aber nicht hin. Es tut ihm auch nicht sonderlich leid.

„Ich weiß. Es – es tut mir leid.“ Evans seufzt, reibt sich über das Gesicht. „Ich wollte eben sagen, daß es schön war, dich zu treffen. Überraschend angenehm.“

„Also haust du jetzt endlich ab? Ist das ein Abschied?“

„Nicht wirklich. Ich habe gerade neues Bier geholt. Ich weiß nicht, ob du das gemerkt hast und ich werde nirgendwo hingehen, bevor dieses nicht geleert ist. Und dann vielleicht noch eins vor dem Gehen.“

„Sieht aus, als ob du gerade dabei bist, ein Problem zu entwickeln.“

„Ich habe viel Zeit totzuschlagen.“

„Keine Termine?“

„Außer – außer wenn du meinen Arm brichst.”

Severus lächelt fast, blickt daraufhin aber sofort gewohnt finster. Der Junge scheint das gar nicht beunruhigend zu finden. Und grinst weiter sein idiotisches Grinsen. Etwas tut ihm weh, es zwickt in seinen Händen und in seinem Mund und er redet, bevor er sich zügeln kann.

„Evans“, murmelt er, irgendwie hauchend. „Die letzte Nacht war – ich weiß das zu schätzen.“ Er weiß nicht, warum es so schwer für ihn ist, danke zu sagen, als ob er beladen sei mit Schuld und Bürde, als ob Dank immer für großzügige und heitere Menschen ist, die nicht wissen, wie es ist, im Unrecht zu sein. Severus mußte mal James Potter danken, in einem Raum voller Gryffindors und einem Werwolf und einem verlausten Sirius Black. Wenn er heute das Worte danke nur denkt, kommt ihm der Horror und die Galle hoch.

Evans mustert ihn und scheint zu einer Entscheidung zu kommen.

„Du hast zuviel getrunken.“

„Das kann sein. Trotzdem stehe ich in deiner Schuld.“

Evans ist ruhig, und leckt seine Lippen für einen Moment. Severus weiß nicht, warum das jetzt wichtig ist.

„Du schuldest mir gar nichts“, sagt der junge Mann langsam, „du wirst niemals -“

„Geh zur Hölle”, faucht Severus und Wut und Adrenalin steigen in ihm hoch. „Denk nicht, daß du mir sagen kannst, wem ich was schulde.“

Evans erwidert seinen aufgebrachten Blick und der Rest von Severus´ Schmährede bleibt ihm im Hals stecken. Der Raum dreht sich und plötzlich kann Severus nur sie beide atmen hören, im Einklang, einander anstarrend, während alle anderen Leute im Hintergrund verblassen. Er sieht etwas in Evans’ Augen, das vorher da nicht war; Härte, Melancholie. Es ist ein Blick, der von harten Tagen erzählt und dunkler Magie. Ein Blick, den jemand in dem Alter nicht besitzen sollte.

Severus ist nicht mehr so jung.

„Ich muß dir was sagen“, sagt Evans weich. „Und du wirst es nicht mögen.“

„Das überrascht mich gar nicht.“

„Es ist nur -“ Der Junge atmet schwer und breitet die Hände auf dem Tisch aus. Er öffnet seinen Mund und schließt ihn sofort wieder. Öffnet ihn. „Bleib hier, Ich bin gleich wieder da, ja?”

Severus schaut in sein frisch gefülltes Glas. „Wo sollte ich hingehen?“

Evans nickt und erhebt sich. Er lächelt einmal, es ist ein Zucken eines Mundwinkels (wie eine Katze lächeln würde) und geht dann in Richtung Herrentoilette.

Severus wartet. Er trinkt und wenn er in sein Glas starrt, kann er immer noch das katzenartige Lächeln sehen, welches flackert und dann in der Masse verschwindet.

Der Junge kommt nicht zurück.

 





Kommentare zu dieser Seite:
Kommentar von Elsa, 30.10.2011 um 17:52 (UTC):
mehr!!! hab den text geradezu verschlungen und hoffe, dass es bald weitergeht... lg elsa



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